Good old Germany

Liebe Menschen,

seit zwei Tagen bin ich wieder in Deutschland. Nach einem wunderschönen letzten Wochenende in Manhattan, das mir unter anderem einen Besuch auf dem Top of the Rock (die Aussichtsplattformen des Rockefeller Centers im 69.-71. Stockwerk) sowie einen Sonnenuntergang auf der Brooklyn Bridge beschert hat, landete ich am frühen Dienstagmorgen im schönen Rheinland. Auch wenn der direkte Vergleich mit NYC doch vor Augen führt, wie klein unsere deutschen Städte sind, so war ich ganz gefesselt von der blühenden und sattgrünen Landschaft rings um mich herum. Das hatte ich in langer Zeit so nicht mehr gesehen!

Auch wenn ich gerne an Amerika zurückdenke, so bin ich doch froh wieder in der Heimat zu sein. Zur Zeit sitze ich im elterlichen Haus, das nach Ankunft meiner amerikanischen Bücherpakete aus allen Nähten zu platzen droht, und schreibe in den letzten Zügen an meinen Papern, bevor es dann morgen mit einem Zwischenstop in Karlsruhe zurück in die alte Studentenheimat Freiburg geht. Den gestrigen Tag verbrachte ich zum Teil in der Kölner Innenstadt, wo mich zuerst ein leckeres Frühstück bei Freunden erwartete bevor ich dann mittags für ein Bewerbungsgespräch um ein Praktikum die Altstadt aufsuchte – und ich darf nun verkünden, dass ich ab Mitte August für mindestens 6-8 Wochen in Kölle sein werde. So lange war ich zuletzt 2008 hier. Am Nachmittag dann traf ich mich noch mit zwei Freundinnen, die mich am Abend mit einem Sektempfang und noch mehr Freunden überraschten – das waren wundervolle Stunden und ich habe mich unglaublich darüber gefreut meine tollen Mädels wiederzusehen. Wie heißt es so schön? Old friends are the best! Das hat sich einmal mehr bestätigt: Vor sieben Jahren haben wir gemeinsam Abi gemacht und auch wenn sich seitdem viel verändert hat, so sind unsere Wiedersehen doch immer wie in alten Zeiten. Bloß bringt man jetzt schon die Kinder ins Bett, bevor man den Sekt ausschenkt… Hatte ich schon erwähnt, wie schön das war?

Morgen also geht es dann weiter in den Süden Deutschlands und ich freue mich auf mein schönes Studentenstädtchen, das insbesondere im Sommersemester einen ganz eigenen Charme hat. Mit ganz viel Energie werde ich dann auch mit dem Schreiben meiner Magisterarbeit beginnen und hoffentlich dennoch die ein oder andere Gelegenheit für einen Kurztrip finden – spätestens im Juli sitze ich wieder im Flugzeug nach London, wo eine Freundin aus Yale ihre Ordination in der anglikanischen Kirche empfangen wird. Und eine solche Ordination in Westminster Abbey miterleben zu dürfen, ist sicherlich sehr lohnenswert.

Ich hoffe, dass ich bis dahin aber noch die Zeit finde um den ein oder anderen Nachtrag zu den Staaten hinzuzufügen. Bis dahin, liebe Bologneser: Es war mir eine Freude Euch mitnehmen und teilhaben lassen zu dürfen an meinem Jahr in den USA – danke fürs lesen, mitverfolgen und kommentieren!

Alles Liebe und bis bald,

Eure Annika

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Abschiedsgedanken

Wenn ich morgen früh aufwache, dann kann ich die Nächte, die mir in den Vereinigten Staaten verbleiben, an einer Hand abzählen. Zwei Semester Yale – vorbei: Zeit, um mich mit dem Thema Abschied zu beschäftigen.

Vor gut zwei Jahren befand ich mich in einer ähnlichen Lage: Ich musste nach acht fantastischen Monaten Jerusalem, dem 39. Theologischen Studienjahr und der Dormitio-Abtei Lebewohl sagen. Es war ein Abschied, der mir das Herz nicht nur fast, sondern ganz und gar zerriss. Monatelang saß ich danach in Deutschland in meinem Zimmer und trauerte. Irgendwann fand ich in meinen Alltag zurück, doch die Sehnsucht nach der Heiligen Stadt blieb und ist bis heute nicht aus meinem Herzen verschwunden. Und wie sieht es aktuell im Bezug auf die USA aus? Ganz anders. Ich bin nicht traurig. Ganz im Gegenteil, der Abschied naht und ich kann es kaum erwarten nach Deutschland zurückzukehren.

Vielleicht war das vergangene Jahr auch für eine Weltenbummlerin wie mich eine Nummer zu viel. 365 Tage, vier Kontinente besucht, drei Kontinente, auf denen ich jeweils mindestens drei Monate verbrachte, Umzüge, neue Uni, verschiedene Welten, die wieder und wieder aufeinanderprallten.

Vielleicht wollte ich mein Herz auch nicht an die USA hängen, weil ich Angst vor einem Abschied wie aus Jerusalem hatte.

Vielleicht sind die Vereinigten Staaten einfach nicht der Fleck auf der Erde, mit dem ich mich identifizieren kann.

Vielleicht wollte ich keine neuen, tiefen Freundschaften mit Amerikanern knüpfen, weil ich nicht noch mehr Menschen vermissen möchte, die irgendwo auf dem Erdkreis verstreut sind.

Ich habe einmal einen Artikel gelesen, in dem eine Studentin auf die Aussage, wir (die jungen Erwachsenen) hätten so viele Möglichkeiten insbesondere im Hinblick auf Auslandsstudien, folgendes geantwortet hat: Natürlich sei es großartig, wenn einem die Welt so sehr offen steht. Man dürfe aber nicht vergessen, dass dies auch eine Zerrissenheit mit sich bringt: Wo gehöre ich hin? Wo sind meine Freunde, die ich furchtbar vermisse? Wie viel „Auslandserfahrung“ kann ich meiner Familie noch zumuten?

All dies hat mich in den vergangenen Monaten mehr als sonst beschäftigt. Yale war nicht die unbeschwerte (wenn auch anstrengende und herausfordernde, nur auf andere Art) und glückselige Jerusalem-Zeit. Yale hat mich an Grenzen geführt, mich verzweifeln lassen, mich zu Boden geschmissen und mir aber auch gezeigt, dass ich mehr kann, als ich dachte. Und sei es nur wieder aufzustehen und das angekratzte Ego zurechtzurücken. Yale hat mich launisch und selbstzweiflerisch gemacht, eine Laune, die ich besonders an meinen besten Freunden ausgelassen habe, die ich klammheimlich beneide: Um ihre Ausgeglichenheit, um ihr Alltagsleben mit Freunden, um all die kleinen und großen Dinge, die mir hier gefehlt haben. Und sei es nur ein abendliches Bier, ein Kinobesuch oder eine dicke Umarmung. Habe ich da noch einen Platz, wenn ich zurückkomme? Yale hat mir aber auch die Liebe zum Studium wiedergegeben, hat mir gezeigt, was Theologie noch alles kann, mir wundervolle Stunden mit verschiedenen Lektüren und spannende Diskussionen in Seminarräumen beschert.

Meine Hoffnung ist nun, dass ich das hier Gelernte in Deutschland anwenden kann, dass ich Inhalte und Arbeitsweisen für mein künftiges Leben mitnehme, ohne mich von diesen vollkommen vereinnahmen zu lassen: Dass ich ICH bleiben kann und kein Rädchen in der Maschinerie der Ivy-League Universität werden muss. Dass ich mich dem Strudel, den diese Universität mit sich bringt, frei entgegenstellen oder anschließen kann. Dass ich nicht das Gefühl habe, an einer international renommierten Uni promovieren zu müssen, sondern zu können. Oder eben auch nicht.

Diese Gedanken sind im Moment sehr real für mich und drängen stetig auf mich ein. Niemand zwingt mich, im Ausland zu studieren – außer ich selber. Im Moment sehne ich mich nach ein wenig Stabilität, nach meinem gewohnten Umfeld (welches auch immer das sein mag), nach Familie und Freunden, mit denen ich und die mit mir Zeit verbringen wollen. Menschen, die mich um meinetwillen und die ich um ihretwillen mag.

Und doch weiß ich auch jetzt schon ganz genau: Nach ein paar Wochen in Deutschland werde ich wieder diese Hummeln im Hintern spüren, die mich fragen: Und, Annika, wo geht die nächste Reise hin?

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Von Energiesparlampen, Schnee und Nachos

Die schönsten zwei Wochen meines USA-Aufenthalts liegen hinter mir. Zu verdanken habe ich dies dem Besuch meiner besten Freundin Hannah, auf die einfach immer Verlass ist: Egal, wo ich beschließe eine Zeit lang zu wohnen, Hannah kommt vorbei. 15 Tage lang konnten wir nun gemeinsam die USA genießen – da ich in der ersten Woche noch Uni hatte, beschränkten wir uns auf ein Wochenende in New York, einen ausgedehnten Shoppingtrip in New Haven, dann ging es für Hannah und ihre Mutter für zwei Tage nach Boston während ich meinen Bibliotheksstuhl warm hielt bevor wir uns zu dritt auf eine Yale-Erkundungstour inklusive Besuch des besten Sushi-Restaurants von New Haven machten. Am Ende der Woche wurde auch für mich eine zweiwöchige Pause eingeläutet – die berühmt-berüchtigte Springbreak stand an! Mit dem Zug ging es für ein Wochenende nach Washington D.C., anschließend brachte uns ein Flugzeug in knapp drei Stunden nach Miami, wo wir selbst Mitten in der Nacht von einer angenehmen Hitze empfangen wurden und einen Tag in Miami Beach faulenzten, den Ocean Drive mit dem Auto entlangfuhren und die Sonne genossen – ich kann euch sagen, nach zweieinhalb Monaten Dauerschnee und arktischer Kälte hatte ich das bitter nötig. Von Miami aus fuhren wir mit dem Auto an der Küste Floridas hoch bis nach St. Augustine – a very old city -, speisten sehr nobel in einem Fischrestaurant und fuhren am nächsten Tag weiter hoch durch Georgia (hat für mich die Tendenz zum schönsten Bundesstaat der USA zu werden – auch wenn ich vermutlich zu wenige Bundesstaaten kenne, um das wirklich beurteilen zu können) bis nach Savannah, einer wunderschönen alten Stadt, deren Stadtkern ganz von Häusern im Kolonialstil geprägt ist. Unser letzter Stop war Charleston in South Carolina, von dort aus ging es für meine beiden Besucher wieder zurück nach Deutschland, wohingehend ich das Auto zurück nach Savannah brachte und von dort aus den Flieger nach NYC bestieg und noch ein kurzes Wochenende mit einer Familie in Brooklyn verbrachte, bevor es dann nach New Haven zurückging – wo sowohl noch Schnee lag als noch Spring Break war und vor allem ein Schreibtisch voller Arbeit auf mich wartete. Leider, leider… Aber die schönen Zeiten gehen eben immer zu schnell vorbei.

Doch beginnen wir von vorne. New York empfing uns kalt, aber mit einem klaren Himmel. Am ersten Abend fanden wir in einem kleinen Diner die Leibspeise unserer Reise – Nachos und Burger – und bezogen unser hübsches kleines Zimmer in Chelsea, dessen Fenster im Erdgeschoss auch morgens um 4 Uhr auf eindrucksvolle Art unter Beweis stellte, dass New York in der Tat die Stadt ist, die niemals schläft (was insbesondere Simone vollkommen faszinierte, so dass sie gar nicht schlafen wollte). Am Samstag „erliefen“ wir uns Manhattan – und das meine ich tatsächlich so. Von unserem Hotel in der 14. Straße spazierten wir durch Chelsea, Greenwich Village und SoHo bis hin zu dem Memorial vom 11. September. Von dort aus ging es weiter durch das Financial District zur Staten Island Ferry, von welcher aus man einen fantastischen Blick auf Manhattan und die Freiheitsstatue hat. Besonders beeindruckend war an diesem Tag der strahlend blaue Himmel und das Eis auf dem Hudson – eine tolle Kulisse für eine überaus glückliche Annika 🙂

Auf der Fähre IMG_0043 IMG_0044  IMG_0041 IMG_0042 IMG_0045 Nach der kleinen Bootstour liefen wir erst zur Brooklyn Bridge, die nach wie vor zu meinen liebsten Orten im Big Apple gehört, bevor es dann zu einem späten Mittagessen nach Chinatown ging. Klingt nach einem kleinen Spaziergang? Denkste… Die Dimensionen dieser Stadt lassen sich schwer in Worte fassen. Da unsere Füße nun schon recht schmerzten, wurde die Mittagspause etwas länger, was aufgrund des hervorragenden Essens und der Paraden, die durch Straßen und Restaurants zur Feier des chinesischen neuen Jahres zogen nicht weiter schlimm war. Zur Schonung der Füße beschlossen wir dann, nur noch zur nächsten Bushaltestelle (wobei „nahe“ auch hier im Auge des Betrachters liegt) zu laufen und zum Central Park zu fahren – so ging es dann mit dem 5er die gesamte 6th Avenue – auch Avenue of the Americans genannt – hinauf. So eine Busfahrt quer durch Manhattan kann ich nur empfehlen. Man sieht wunderbar, wie sich die Architektur in der Stadt ständig ändert. „Oben“ (also am südlichen Eingang vom Central Park) angekommen (jaja, die Dimensionen dieser Stadt…), schlenderten wir durch die große Grünfläche der New Yorker, schauten ein paar kleinen Eisprinzessinnen beim Schlittschuhlaufen zu und genossen dann die Schaufensterauslagen der 5th Ave, die uns auch zum Rockefeller Center und zur St. Patrick’s Cathedral führte. Ich gebe zu, wir waren vollkommen fertig, die Meilen, die wir abgelaufen waren, schienen der Unendlichkeit entgegenzurennen… Nach einer kleinen Kaffeepause, es wurde langsam dunkel, schritten wir über den Broadway dem Times Square entgegen. Letzterer ist im Tageslicht zwar eindrücklich, entfaltet seinen Charme aber erst in der Dunkelheit – dann, wenn die abertausenden Lichter der Werbeplakate und Leuchtreklamen zum Leben erwachen. Simone’s Kommentar dazu: „Von Energiesparlampen haben die hier aber auch noch nichts gehört, oder?“ Ja, so kann man den Times Square natürlich auch charakterisieren. Anstatt die U-Bahn zu benutzen, machten wir uns zu Fuß durch Midtown Manhattan zu unserer Unterkunft in Chelsea. Das war noch einmal ein ordentlicher Marsch, doch New York bei Nacht ist so reizvoll, dass es sich absolut gelohnt hat. Nach einer kurzen Pause auf den Betten (unsere Füße waren mittlerweile auf die Größe von Footballs angeschwollen), machten Hannah und ich uns noch einmal auf den Weg ins New Yorker Nachtleben – mit Cocktails und Nachos…

Der Sonntag, unser zweiter und letzter Tag in der Stadt der Städte, begann erneut mit einem „Frühstück“, das aus einem schlechten Filterkaffee und einem trockenen Bagel bestand und in einem zugigen Flur ohne Sitzmöglichkeiten serviert wurde (aber hey, es ist NYC!) und führte uns dann erst einmal zur Highline, die wenige Meter hinter unserem Schlafplatz begann. Für jene, die es nicht wissen: Die Highline ist eine ehemalige Eisenbahnstrecke, die zwischen der 9. und 10. Straße durch Midtown Manhattan führt. Auf den erhöhten, überirdischen Gleisen hat die Stadt in den letzten Jahren einen Weg angelegt, von dem aus ganz andere, fantastische Blicke auf Manhattan möglich sind. Leider war das Wetter umgeschlagen, der Himmel eine einzige graue Suppe, ein eisiger Wind fegte durch die Häuserschluchten und es begann wieder einmal zu schneien. Deswegen suchten wir Zuflucht im Chelsea Market, einer großen Markthalle mit vielen verschiedenen Essenläden, Shoppingmöglichkeiten und Ausstellungen von lokalen Künstlern. Kann ich nur empfehlen! Als uns New York dann endgültig zu kalt und ungemütlich wurde, ging es nach New Haven, wo wir den Rest der Woche verbrachten – mit Zwischenstopp in Boston für meine Besucher, für mich mit Uni und für uns alle mit Yale, Sushi und einem ausgedehnten Besuch in der Shoppingmall (da ich uns versehentlich in den falschen Bus gesetzt habe, fuhren wir auch noch ein Stündchen am Atlantik entlang, bis wir dann die Mall erreichten. War aber sehr hübsch!).

Mit Beginn der Spring Break durfte ich endlich das von Schnee geplagte New Haven verlassen: Es ging in die Hauptstadt des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten, in der es deutlich wärmer war und die Schneeschmelze bereits eingesetzt hatte. Washington D.C. hat mir ausnahmslos gut gefallen, auch wenn mir die repräsentativen Meilen mit Kapitol, Monument, Weißem Haus, Supreme Court etc. etwas zu repräsentativ und groß waren: Die Amerikaner stellen sich schon gerne selbst dar. Am schlimmsten aber habe ich das Lincoln Memorial empfunden, das tatsächlich einem Tempel für Lincoln gleicht. Über der mächtigen Statue von Lincoln sind folgende Worte eingraviert: In this temple as in the hearts of the people for whom he saved the union the memory of Abraham Lincoln is enshrined forever. Das ist ja schon altorientalische Königsideologie, die sich hier wiederspiegelt – und vollkommen unpassend für ein Land, das sich doch als so stark christlich geprägt versteht. Aber gut, jedem sei der Götzendienst vergönnt, den er erwünscht.

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Abgesehen davon und von der Tatsache, dass wir kleine Startschwierigkeiten hatten, das Weiße Haus als solches zu identifizieren, war Washington aber wirklich sehr schön und erinnerte mich von seinen Bauten und Strukturen immer wieder an London. Würde Yale nur in Washington liegen, ich denke, dass ich mich in diesem Land viel wohler gefühlt hätte. Zudem hat der Stadtteil Georgetown eine fantastische Shoppingmeile… 🙂

Noch ein kleines Gewinnspiel: Wer als Erster sagen kann, welche Filmszene Simone und ich vor dem Monument / Obelisken-Ding darstellen, der bekommt eine Postkarte von mir.

Am späten Nachmittag des Sonntags kehrten wir Washington und unserer Unterkunft im Diplomatenviertel (da gab es echtes Brot zum Frühstück!) den Rücken und machten uns auf den Weg zum Flughafen: Miami rief! Doch von Teil II der Reise werde ich erst beim nächsten Mal berichten. Nun rufen mich Bücher und Paper und Professoren. Macht’s gut, bis bald! Eure Änneka

(Und zum Abschluss noch mein aktueller Ohrwurm:)

 

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Yale

Ich gebe es ja gerne zu, ich bin verrückt nach den Gilmore Girls. Die us-amerikanische Serie hat mich begleitet und beeinflusst wie keine andere Sendung: Von den sieben Staffeln kann ich fast alle Folgen auswendig mitsprechen, ich habe mit 15 Jahren begonnen Kaffee aus riesigen Bechern zu trinken, obwohl ich ihn total eklig fand (damals, heute hat die Sucht voll zugeschlagen), ich habe einzelne Szenen der Gilmores in mein Leben integriert, wie Lorelai gesprochen, die Bücher gelesen, die auch Rory las, die Filme geschaut, die sich das Mutter-Tochter-Gespann bei ihren legendären Filmnächten gab und hegte ab dem Ende der dritten Staffel den einen, großen Wunsch: ich will nach Yale gehen, ganz genau so wie Rory!

Zum 16. Geburtstag schenkte Laura mir damals ein Yale-Shirt: Sie liess es in einer Zeit ohne ständige Internetverbindung extra aus den USA einschiffen!

Zum 16. Geburtstag schenkte Laura mir damals ein Yale-Shirt: Sie liess es in einer Zeit ohne ständige Internetverbindung extra aus den USA einschiffen!

Meine Gilmore-Girls Sucht also führte zu dem starken Verlangen eine Studentin in Yale zu werden: Ich durchforstete das Internet, versuchte das Bewerbungsverfahren zu verstehen, sah mit Schrecken die Summe, die jährlich an die Uni zu zahlen ist und stellte irgendwann resigniert fest: Annika und Yale, das wird nichts. Vor eineinhalb Jahren, nur wenige Tage vor dem Ablauf der Bewerbungsfrist, stellte ich dann plötzlich fest, dass zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Yale University eine Partnerschaft besteht, die mir meinen Traum doch noch ermöglichen könnte. Viel zu überlegen gab es da nicht mehr: Innerhalb weniger Tage fertigte ich Bewerbungsschreiben an und übersetze meine Leistungsübersichten, holte Gutachten von Professoren ein und fuhr nach Straßburg zum TOEFL-Test (ein international anerkanntes Englisch-Examen). Nach einigen Wochen kam die Nachricht, dass ich es in die zweite Runde und somit ins Auswahlgespräch geschafft hatte. Im Dezember dann erreichte mich eine Email aus Yale: Welcome to Yale University! Ich war glückselig.

Dass meine Erwartungen dann vor Ort einen gewaltigen Dämpfer bekommen haben, das habe ich hier berichtet – aber der Dämpfer kam eben mehr dadurch, dass die Uni ihrem Ruf gerecht und ich von dem Arbeitspensum und dem Leistungsanspruch überwältigt wurde. Und deswegen möchte ich heute einfach mal ein bisschen über Yale, gegründet 1701 (und das in den Staaten!), berichten.

Yale ist nach ihrem Gründer Elihu Yale benannt – eigentlich war er nur einer von mehreren Gründungsvätern, allerdings derjenige mit dem größten Kapitalvermögen. Dachte man zumindest. Und eigentlich war er auch nicht der Gründer. Die heutige Yale University geht darauf zurück, dass einige Männer im Staat Connecticut eine von der Religion losgelöste Universität errichten wollten, weil sie mit der vorherrschenden Kirche nicht zurecht kamen. (Ein bisschen so wie die Entstehung der anglikanischen Kirche) Diese Universität kam allerdings in einen finanziellen Engpass und so bat man den Kaufmann Elihu Yale um eine Finanzspritze. Dieser wollte der Anfrage gerne nachkommen und schickte 800 Sterling an die Universität, die aus lauter Dankbarkeit zuerst ein Collegegebäude und dann gleich die ganze Universität nach ihm benannte. Der Namensprozess war schon in Gang gesetzt, als man feststellte, dass ein weiterer Herr, der auf den Namen Dummy hörte, viel früher eine noch größere Summe geschickt hatte, die nur erst über den Atlantik gebracht werden musste. Ein Glück für uns Studierende, denn sonst würden wir uns heute nicht Yalies, sonder Dummies nennen. Und stellt euch mal ein T-Shirt mit diesem Aufdruck vor!

Die Statue von Elihu Yale auf dem Alten Campus.

Die Statue von Elihu Yale auf dem Alten Campus.

Und der gute Herr Yale von vorne.

Und der gute Herr Yale von vorne.

Wer genau auf das untere Foto schaut, der wird sehen, dass die Fußspitze von Mr. Yale ganz schön blank gerieben ist. Das hat mit folgender Anekdote zu tun: Bei einem der ersten Football-Spiele stand es sehr schlecht um das Team aus Yale, sie waren haushoch am Verlieren (ich glaube, auch noch gegen Harvard, das ist dann in eine lebenslange Feindschaft ausgeartet). Elihu Yale kam dann höchstpersönlich auf den Platz, nahm den Football und schoss ihn mit einer solchen Wucht, dass sich das Blatt für das Yale-Team wendete. Deswegen berühren noch heute die Studenten, die an der Statue vorbeigehen, den Fuß des Gründervaters: Denn das soll Glück bringen!

Auf dem alten Campus findet man aber noch eine zweite Statue, die Nathan Hale zeigt. Dieser war der erste Spion der Vereinigten Staaten von Amerika – und er hatte zudem einen Abschluss aus Yale. Generell soll er wohl einen guten Job gemacht haben, doch eines Abends saß er recht betrunken in einer Kneipe und verplapperte seinen wahren Beruf. Dummerweise saß der englische Spion mit ihm an der Theke. Daraufhin wurde Nathan Hale am Galgen aufgehangen. Am Galgen hängend hielt er zwei Dinge in der Hand: Die Bibel und sein Diplom aus Yale. Seine letzten Worte waren: For God, for Country and for Yale. Ja, ganz schön amerikanisch, finde ich auch. Nichtsdestotrotz wurden diese letzten Worte gleichermaßen zu einem Slogan für die Uni, den man auf vielen Wimpeln, Shirts und anderen Artikeln findet.

Und hier sieht man ihn.

Und hier sieht man ihn.

Dank seiner Tapferkeit hat er, beziehungsweise seine Statue, auch Einzug auf den alten Campus gehalten. Doch auch dazu gibt es eine kleine Anekdote: Von Nathan Hale gab es nach seinem Ableben im Jahre 1776 leider kein einziges Bild. Die Universität wollte diesem tapferen Mann (man stelle sich vor, der erste Spion aus den eigenen Reihen!) jedoch gerne eine Statue widmen. Was nun? An einem kalten Wintertag um die Jahreswende 1776/77 liess man deswegen die Graduierten des kommenden Jahres in Reih und Glied auf dem alten Campus antreten. Eine Auswahlkommission schritt die Reihen ab und suchte nach dem jungen Mann, der am mutigsten und heroischsten aussah. Dieser musste dann Porträt stehen. Die Statue also zeigt nicht Nathan Hale, sondern den Absolventen der Abschlussklasse von 1777, der einfach heroischer erschien als seine Kommilitonen. Nun aber genug der fun facts.

Die Connecticut-Hall ist das erste Universitätsgebäude.

Die Connecticut-Hall ist das erste Universitätsgebäude.

Der alte Campus.

Der alte Campus.

Vielleicht noch eine Sache zum alten Campus, die man auf den Bildern nicht so gut erkennt: Die Häuser sind alle um einen kleinen Park gebaut, das heißt der Campus bildet nach außen hin eine abgeschlossene Einheit. Das war durchaus beabsichtigt! Die Gründer der Universität wollten ein Gemeinschaftsgefühl unter den Studierenden entwickeln. Deswegen gehen auch alle Türen zu den Gebäuden nur auf den Innenplatz hinaus – damit erreichte man, dass sich alle Studenten zumindest sehen mussten, wenn sie ihre Wohnräume verließen. Durch große Tore kann man den Campus dann natürlich verlassen. Heute bildet der Old Campus nur noch einen Teil der Universität, die sich mittlerweile über den großen Teil der Innenstadt erstreckt. Doch immer noch ist der Gemeinschaftsgedanke sehr präsent. So werden die Undergrads, also die College-Studenten (das ist quasi die Bachelor-Phase) zu Beginn ihres Studiums in Colleges eingeteilt, derer es zur Zeit 12 Stück gibt. Diese Colleges haben nichts mit der Studienwahl zu tun, sondern sind im Grunde große Häuser mit Wohngemeinschaften. Dazu gehören zum Beispiel das Davenport oder Saybrook College.

Aussenansicht von Davenport

Aussenansicht von Davenport

In diesen College-Residenzen haben die Studierenden nicht nur ihre Wohnräume. Jedes College ist zudem mit einem eigenen Speisesaal ausgestattet, einer eigenen Bibliothek, Musik- und Kunststudios sowie einem Fitnessraum. Zudem gibt es große Gemeinschaftsräume, die auch als Bühnen für Theateraufführungen, Debatten oder Lesungen dienen können. Als Student identifiziert man sich scheinbar sehr stark mit seinem College – man kann deswegen nicht nur T-Shirts mit „Yale“-Aufschrift kaufen, sondern auch mit dem Namen und Wappen (!) des eigenen Colleges. Jedoch haben diese Colleges, wie bereits gesagt, nichts mit der Studienrichtung zu tun – für die Lehrveranstaltungen muss man sein College also verlassen und in das jeweilige Institut gehen. Dafür stehen eigene Yale-Shuttle zur Verfügung, die tagsüber auf vier verschiedenen Routen quer über den Campus fahren und zwischen 18 Uhr und 6 Uhr morgens einen Rufservice haben, so dass man dann von Tür zu Tür gefahren wird.

Solche Shuttle fahren die ganze Zeit an einem vorbei und stehen jedem Studenten kostenfrei zur Verfügung.

Solche Shuttle fahren die ganze Zeit an einem vorbei und stehen jedem Studenten kostenfrei zur Verfügung.

Der Nacht-Service ist nur Teil eines großen Programmes, zu dem unter anderem auch die Blue Phones sowie der Security-Escort und die eigene Yale Police mit knapp 100 Beschäftigten gehören und dem Umstand geschuldet ist, dass New Haven Jahr für Jahr als zweitgefährlichste Stadt in den Vereinigten Staaten gelistet wird (direkt nach Detroit). Auch wenn sich in den vergangenen Jahren das schlechte Image von New Haven deutlich gewandelt hat, so gibt es dennoch immer noch eine große Kriminalitätsrate, die sich aber zum einen viel in den Armutsvierteln abspielt (New Haven ist eben nicht gleich New Haven) und andererseits auch nicht verwunderlich ist, wenn man überlegt, dass die Yale University die Universität mit dem zweitgrößten universitären Stiftungsvermögen weltweit (23,9 Billionen Dollar. Billionen. Ehrlich. Ausgeschrieben sieht das so aus: 23.900.000.000.000 Dollar) ist und die Distanz zur „normalen“ Bevölkerung auch sehr deutlich macht – hatte ich schon davon berichtet, dass mit Beginn der Yale Bubble die Straßen blitzeblank vom Schnee befreit sind, eine Kreuzung weiter aber schon fast kein Durchkommen mehr ist?

Der Broadway, gesäumt von teuren Geschäften, markiert den Beginn der Yale-Blase.

Der Broadway, gesäumt von teuren Geschäften, markiert den Beginn der Yale-Blase.

Nun hatte ich von den Colleges erzählt. Fast könnte man meinen: Da ist doch alles, mehr braucht es nicht! Weit gefehlt. Es gibt ein riesiges Fitness-Center (das größte der Welt, mit sieben Stockwerken, wobei sich das Schwimmbad im dritten Stock befindet. Wer sich das ausgedacht hat) …

Das Payne Whitney ist laut Türinschrift eine "Kathedrale für den Schweiß"

Das Payne Whitney ist laut Türinschrift eine „Kathedrale für den Schweiß“

… acht weitere große Bibliotheken, von denen die berühmtesten Zwei zum einen die Beinecke Rare Books and Manuscripts Library ist, von der ich schon einmal berichtet hatte:

Da muss einem doch das Herz aufgehen :-)

Da muss einem doch das Herz aufgehen 🙂

sowie die Sterling Memorial Library, in der alleine sich über 4 Millionen Bücher befinden.

Sterling von außen

Sterling von außen

Und von innen (zumindest in Teilen)

Und von innen (zumindest in Teilen)

Wer nun sagt: Das sieht aber mehr aus wie eine Kathedrale!, der hat das ganz richtig beobachtet. Viele Gebäude der Uni wurden vom selben Architekten entworfen, der aber auch noch ein Meisterwerk präsentieren wollte und deswegen eine Kathedrale entwarf. Dummerweise musste ihm der Rektor dann mitteilen, dass die Universität nicht religiös behaftet sein möchte bzw. allen Religionen offen steht und deswegen keine christliche Kathedrale im Mittelpunkt stehen haben kann. Aber er dürfe gerne die Hauptbibliothek entwerfen. Das machte der Architekt auch: Er kürzte die Turmspitzen in den Plänen einfach weg und liess über die Eingangstür eingravieren: Kathedrale für das Wissen. Das ist ihm gelungen, die Sterling Memorial ist eine eindrückliche Bibliothek.

Was natürlich auch nicht fehlen darf, ist das eigene Stadion (ich weise jetzt nicht weiter darauf hin, dass es auch einen eigenen Wald und einen Golfplatz gibt. Und was man sich sonst noch so vorstellen kann), der sogenannte Yale Bowl, in dem die großen Football-Schlachten ausgetragen werden.

Tada!

Tada!

Am Eingang findet sich eine Statue von Handsome Dan, dem Maskottchen der Yale Bulldogs, passend zum Schlachtruf: Bulldog! Bulldog! Bow wow wow! Elihu Yale! Dan ist quasi für die Bulldogs das, was Hennes für den 1. FC Köln ist. Und es gibt auch immer ein lebendes Exemplar.

Simon und Ich mit Handsome Dan beim Spiel Yale vs. Princeton

Simon und Ich mit Handsome Dan beim Spiel Yale vs. Princeton

Ich merke schon, es gibt so viel zu erzählen, dass ich ganz Wirr schreibe. Willkommen in meinem Kopf. Nun habe ich so viel über die Colleges berichtet, dass ich es nicht versäumen möchte zu erwähnen, dass ich dort nicht studiere. Denn, wie bereits gesagt, sind das ja die Residenzen für die Undergrads. Ich hingegen bin ein Graduate Student, was bedeutet, dass ich bereits in der Master-Phase bin (Master, klingt gut, was? Master Annika! Antreten!). Für uns Grads und Post-Grads (also z.B. die Doktoranden) gibt es die sogenannten Graduate Schools, in denen fachspezifische Vertiefungsveranstaltungen angeboten werden. Mein Schwerpunkt ist deswegen die Yale Divinity School, also die theologische Fakultät, in der nur Masterstudierende aufgenommen werden. Das schöne an dem System jedoch ist, dass uns Grad-Students alle universitären Lehrveranstaltungen offen stehen, solange wir 50% unserer Veranstaltungen an der Divinity belegen. Deswegen kann ich dieses Semester auch problemlos einen Kurs am literaturwissenschaftlichen Institut belegen (und sollte ich hier meinen Master machen, so würde das ganz normal für mein Studium zählen, das ist der große Unterschied zu Deutschland: Da kann ich mich zwar als Gasthörer in viele Veranstaltungen fachfremder Fakultäten setzen, für meinen eigenen Studienverlauf bringt mir das jedoch nichts. In Yale müssen solche Entscheidungen nur vom persönlichen Studienberater abgesegnet werden, dann kann schwerpunktmäßig lustig drauf los studiert werden).

Was aber macht Yale nun so besonders? Die Uni gehört zu den ältesten der USA und hat sich einen Ruf als eine der Top 3 der acht Ivy-League Universitäten (Harvard, Princeton, Yale, Brown, Columbia, Penn, Dartmouth, Cornell) gemacht. Die Ivy-League ist ursprünglich die Bezeichnung für den Wettbewerb der universitären Football-Mannschaften gewesen, die Jahr für Jahr gegeneinander antraten. Aus diesem Begriff (Ivy meint übrigens Efeu und rührt daher, dass die alten Gebäude zumeist efeuberankt sind) entstand dann auch der Kader der großen Universitäten, die für ihre strengen Aufnahmeprüfungen und starke Selektionen bekannt sind. Die Law-School von Yale ist sogar die selektivste der ganzen Welt. Im Jahr 2012 wurden 6,82 Prozent der Bewerber an der Uni aufgenommen, von 28.974 Bewerbungen sind das 1.975 Zulassungen. Das klingt erst einmal nicht gut – aber ich denke, dass man sich von solchen Zahlen niemals abschrecken lassen sollte (denn dafür sind diese Zahlen vermutlich da. Um die Leute abzuschrecken). Viel happiger gestaltet sich die Studiengebühr, die sich im Jahr auf rund 64.000 Dollar summieren kann. Das ist eine ganze Stange Geld und macht verständlich, warum man als Student entweder ein Stipendium oder eine reiche Verwandtschaft braucht, wenn man am Ende seines Studiums nicht hochverschuldet dastehen will.

Das ist viel Geld. Ziemlich viel Geld. Dafür, und das muss man der Uni lassen, arbeitet man aber auch nur unter den besten Bedingungen: Kleine Unterrichtsgruppen, erstklassige Professoren, fantastisch ausgestattete Bibliotheken, ständig freies Essen, hervorragende Mensen (erst heute in der Graduate Dining Hall: Für 10 Dollar ein riesiges allyou can eat-Buffet vom Feinsten), ein riesiges Team aus Mitarbeitern von Elektriker zum Computerfachmann hin zum persönlichen Bibliothekar, die immer zur Verfügung stehen, all die Nahverkehrsleistungen, Vergünstigungen und die Aussichten auf einen guten Job bei erfolgreichem Studienabschluss: Nicht umsonst hat die Uni fünf US-Präsidenten, jede Menge Richter am Obersten Gerichtshof, Nobelpreisträger und Forscher hervorgebracht. Zu den berühmtesten Schauspiel-Absolventen gehören übrigens Jodie Foster und Meryl Streep, letztere ja meine Lieblingsschauspielerin. Viele Familien arbeiten schon ab dem Vorschulalter darauf hin, dass zumindest eines der Kinder an einer dieser drei Unis angenommen wird. Das ist schon verrückt, was man da so für Geschichten zu hören bekommt. Und ich bin gleich noch viel dankbarer, dass ich eine ganz normale Kindheit hatte, in der man auch mal eine schlechte Note nach Hause bringen und trotzdem nachmittags im Garten spielen durfte – und dabei nicht befürchten musste, nun die Zukunft der Familie aufs Spiel gesetzt zu haben.

Diese Uni ist wirklich etwas besonderes und ich denke, so ich das bisher einschätzen kann, dass sie ihrem Ruf gerecht wird. Und ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich hier studieren darf. Aber, und auch das darf nicht unbenannt bleiben, Yale feiert sich auch selber. Und zwar nicht zu knapp. In den diversen Yale-Stores gibt es wirklich alles mit Yale-Aufdruck (ich bin dem Wahn zugegebenermaßen auch schon verfallen)

Ein kleiner (!!) Ausschnitt aus einem der Merchandize-Läden.

Ein kleiner (!!) Ausschnitt aus einem der Merchandize-Läden.

und es wird schnell bewusst, dass hier diejenigen ausgebildet werden, die irgendwann mal an der Spitze dieses Landes stehen werden. Und das ist schön und gut, die haben ja hart dafür gearbeitet. Nur hat diese Universität auch ein massives Problem: Eine Uni, die über dermaßen viele Geldreserven verfügt, die sollte es sich einmal gut überlegen, ob ihre Pflicht nicht auch gegenüber denen besteht, die direkt vor ihrer Haustür leben – oft in furchtbar ärmlichen Verhältnissen. Zu sehen, wie sich eine Universität um ihre Nachbarn kümmert – einfach aufgrund des Prinzips der Mitmenschlichkeit – würde gerade denen gut tun, die einmal diesen Staat leiten werden und somit die einzigen sind, die die schreiende Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich in diesem Land beheben werden können.

So viel einmal zu meinen ernsteren Gedanken. Zum Abschluss noch ein paar Alltagsbilder (Kreative Gemeinschafts-Kunst, spontane Essen im Gemeinschaftsraum, etc.) und Links – ein Youtube-Video, das die Uni (leicht pathetisch) vorstellt und ein Artikel aus der Rundschau, den mir mein Vater geschickt hat. Macht’s gut, ihr Lieben!

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Foto 3-2 Foto 2-5 Foto 1-5 Foto 2-4 Foto 1-4 Foto 2-3 Foto 1-3 Foto 5 Foto 4 Foto 3 Foto 2-2 Foto 1-2

http://www.rundschau-online.de/karriere/harvard–yale–princeton-studieren-an-elite-unis-in-den-usa,21117600,29727872.html

P.S.: Viele der Bilder (unschwer zu erkennen, welche), sind aus dem Internet und beim Draufklicken mit einem Link zur Quelle versehen.

P.P.S.: Und an all die Gilmore-Girls Verrückten: Erinnert ihr euch noch an die Folge mit Rory und dem Studierbaum? Nun, ich habe keinen Baum gefunden (zu kalt!), dafür aber ein warmes Plätzchen im Café eines Buchladens… hach 🙂

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Welch ein kleiner Gedanke doch ein ganzes Leben füllen kann!

Dieses Zitat, das aus dem Munde Ludwig Wittgensteins stammt, hat mich in den letzten Tagen begleitet. Mein Professor für jüdische Literatur eröffnete mit diesem Satz und der unten verlinkten Vertonung in der vergangenen Woche die Sitzung zu Judaism Through Poetry. Dieser Kurs findet Downtown statt, er wird also nicht an der theologischen Fakultät unterrichtet. Das ist einer der Gründe, warum diese Veranstaltung so spannend ist, denn es sitzen eben kaum Theologen dabei, sondern Religions- und Literaturwissenschaftler oder auch Studenten aus ganz anderen Fachrichtungen, die Interesse am Judentum haben. Der Professor unterrichtet nicht nur in Yale, sondern er ist auch Dichter und Schriftsteller, der zwischen New Haven und Jerusalem pendelt. Zu Beginn des Semesters erklärte er uns, dass dieser Kurs, den wir nun gemeinsam bestreiten würden, in dieser Form noch niemals unterrichtet worden und das Konzept deswegen auch nicht erprobt sei. Soweit ich es feststellen kann, funktioniert es aber hervorragend: Das Anliegen geht dahin, dass wir Charakteristika des Judentums ausfindig machen indem wir jüdische Poesie lesen. Die letzten Wochen waren der Bibel gewidmet, deren Schriften immer wieder von modernen Gedichten ergänzt wurden. Gestern dann gab es eine kleine Zusammenfassung: Gemeinsam erzählten wir die Geschichte der jüdischen Poesie wie wir sie bisher kennengelernt hatten und die nicht abzugrenzen ist vom sich formierenden Volk der Israeliten und der Exilserfahrung hin zu einer Religionsgemeinschaft, die sich immer mehr um das Jerusalemer Zentralheiligtum formierte. Man könnte nun denken, dass mir besonders nach dem Studienjahr in Israel diese Geschichte bereits bekannt ist. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich immens viel dazulerne – weil der Blick eben von der Poesie ausgeht, von dem Rhythmus und der Schönheit der Sprache. Und so erweitert sich mein Verständnis vom Judentum Woche für Woche – denn immer tiefer tauche ich in die Schönheit der jüdischen Tradition und Kultur ein, die man von dem Begriff des Judentums nicht trennen kann. Diese Ästhetik habe ich in Jerusalem schon zu lieben gelernt und ich glaube nicht, dass mein Hingezogen-Sein zum Judentum bald endet.

Theologie mit Ästhetik und Kunst zu verbinden, scheint mir eine große Stärke des Judentums und seiner wissenschaftlichen Reflexion zu sein. Natürlich sind die Kunst und ihre ausprägenden Formen auch im Christentum verankert. Der große Unterschied aber ist (meiner Meinung nach), dass die Ausdrucksformen kaum in der wissenschaftlichen Theologie rezipiert werden. Und das ist so schade! Denn uns steht dieser große Schatz an Musik, Literatur und Malerei zur Verfügung, der so oft nur nebenbei erwähnt wird, als eigene Quelle und theologische Reflexion an der Universität aber fast nicht zur Sprache kommt. Dabei geht uns ein großer Teil der menschlichen Wirklichkeit verloren.

Am nächsten Mittwoch beginnen wir mit der jüdischen Mystik und werden uns dann besonders dem spanischen Raum und der Kabbalah widmen. Dabei werde ich innerlich bestimmt immer wieder Bilder von Safed in Galiläa sehen, der israelischen Hochburg der Kabbalah.

Und dabei denke ich stets an Wittgenstein’s Aussage: Das Wort „Gott“ hat nur vier Buchstaben. Eine einzige Silbe. Und dennoch: Wie klein doch der Gedanke ist, oder das Wort, das unser ganzes Leben zu füllen vermag…

How small a thought it takes to fill a whole life – von Steve Reich vertont unter dem Titel Proverb:

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Von heiligen Orten

Kennt ihr diese seltsamen Zufälle? Diese Momente, in denen euch jemand von einer bestimmten Jacke erzählt, die ihr vorher noch nie gesehen habt und die ab dann einfach überall auftaucht? Fast so, als würde sie euch nachlaufen! Mit dem Einreden von Krankheiten kann das auch so sein. Man hat doch neulich noch von diesem Schauspieler gelesen, der mit Knöchelschmerzen ins Krankenhaus kam und am nächsten Tag tot war. Unerkannten Thrombose. Und tut mir mein Knöchel nicht gerade auch ziemlich weh? Oder diese Sache mit dem glutenfreien Essen. Kaum steigt eine Freundin darauf um und berichtet davon, schon scheint plötzlich jeder kein Gluten mehr zu essen. Ganz klar – manche Dinge sind einfach Modeerscheinungen, die kommen und gehen, stehen auf einmal hoch im Kurs und verschwinden wieder aus unserem Alltag. Es gibt aber auch Begriffe und Dinge, die schon immer da waren, für die unser Bewusstsein aber erst ab einem bestimmten Punkt geschärft wird und die dann immer wieder auftauchen. Heute ist mir dies in Form von sakralen Orten begegnet.

In meinem Kurs zu spiritual topographies sprachen wir heute über die Bedeutung von sacred spaces, also sakralen Orten – oder, wie es ein Autor übersetzte, von heiligen Orten (ob ich die sakral=heilig Ansicht teile, bin ich mir noch etwas unsicher). Natürlich sprachen wir nicht über diese Orte generell, sondern über ihr Auftreten in der Poesie. Wie werden Orte dargestellt, dass sie etwas Heiliges an sich haben? Manche Gedichte bedienen sich sehr offensichtlicher Mittel – zum Beispiel, in dem sie an Orten handeln, die wir ganz automatisch mit Sakralräumen verbinden. Wie eine Kirche! Oder aber sie benutzen bekannte biblische Geschichten und schreiben diese um. So wird der Leser in den Garten Eden versetzt, die eigentliche Handlung jedoch wird transformiert. So weit, so gut. Eine der großartigen Eigenschaften von Literatur besteht aber auch darin, dass sie auch Blickwinkel einnehmen kann, die uns Menschen eigentlich verwehrt bleiben. Dazu ein Beispiel:

DESCENDING THEOLOGY: THE RESURRECTION

From the far star points of his pinned extremeties,
cold inched in – black ice and blood ink –
till the hung flesh was empty. Lonely in that void
even for pain, he missed his splintered feet,
the human stare buried in his face.
He ached for two hand made of meat
he could reach to the end of.
In the corpse’s core, the stone fist of his heart

began to bang on the stiff chest’s door,
and breath spilled back into that battered shape. Now
it’s your lims he longs to flow into –
from the sunflower center in your chest
outward – as warm water
shatters at birth, rivering every way.

(Mary Karr)

Hier plötzlich wird der Leser in die Rolle des Gekreuzigten gedrängt. Unvermittelt und harsch, so sehr, dass es fast schon weh tut. Der sakrale Raum ist nicht mehr ein Raum an sich, sondern eine Person mit Emotionen.

Das nur einmal als Beispiel. Und mit Sicherheit hat ein jeder eine Vorstellung davon, was für ihn oder sie ein „heiliger Ort“ ist. Ich gebe zu, für mich als – zur Zeit weniger, aber generell doch praktizierenden Katholikin – sind heilige Orte immer verknüpft mit Kirchengebäuden. Der heutige Tag nun hat an diesem eingefleischten Konzept ein wenig gerüttelt. Doch was hat das nun mit meiner Einleitung zu tun?

Nach dem Seminar, das sich bis in die Abendstunden hineinzieht, fährt mich eine Freundin nach Hause. Wir saßen im Auto und sie berichtete mir ganz erfreut von ihrem neuen Nebenjob. Sie arbeitet nun als pastorale Beraterin in einer Einrichtung für Frauen, die wegen bestimmter Probleme diese Anlaufstelle nutzen. Heute war ihr erster Arbeitstag. Von den Kollegen wurde sie äußerst freundlich aufgenommen und man erklärte ihr, dass man ihr gerne alle Hilfe zur Verfügung stellen würde, die sie zur Ausübung ihrer Tätigkeit benötigen würde. Zudem solle sie wissen, dass man in dieser Einrichtung in einem „sacred place“ sei – denn hier würden Frauen behandelt, die eine große Verletzlichkeit an den Tag legen.

Da war er wieder – der sakrale Ort. Hätte ich mich in den letzten Stunden nicht ausführlich mit diesem Begriff beschäftigt, hätte ich ihn dann überhört? Eine wahrheitsgetreue Antwort vermag ich darauf nicht zu geben. Doch der Zufall – angeblich ja das Pseudonym des lieben Gottes, wenn er unerkannt bleiben möchte – hatte es anders vor. Meine Freundin ging gar nicht näher darauf ein und ich fragte auch nicht nach. Ganz selbstverständlich warf sie den Begriff in den Raum. Ist das typisch amerikanisch, Begriffe einfach umhinterfragt zu nutzen? Hat sie da einfach nicht weiter drüber nachgedacht? Oder ist ihr das Anliegen ihrer Kollegen so selbstverständlich, dass es für sie keiner näheren Betrachtung bedarf? Wie ich sie kenne, wird es eher letzteres sein. Das natürlich eröffnet einen ganz neuen Raum für die Spekulationen der vergangenen Stunden: Dann ist ein heiliger Ort plötzlich jeder Ort, an dem Menschen sich in all ihrer Verletzlichkeit begegnen. Und damit vielleicht näher am Evangelium als so manche große Kathedrale.

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Tagebuch eines Schneesturms

Juno. Er führt nicht selber Tagebuch, Stürme können das nicht so gut. Deswegen schreibe ich für ihn und über ihn. Juno. Das ist der Wintersturm, der die nördliche Ostküste der USA vergangene Woche fest im Griff hatte.

Samstag, 24.01.2015

14.37 You think the last days were bad? Look at the forecast for next week! Ihr denkt, die letzten Tage seien schlimm gewesen? Schaut euch mal den Bericht für kommende Woche an, schreibt eine Person in Overheard at Yale, einer Facebook-Gruppe, in der sich Yale-Studenten regelmäßig austauschen. Ich schaue mir den Wetterbericht an: Jo, sieht nach Schnee aus.

Sonntag, 25.01.2015

09:15 Ich schaue mir den Wetterbericht im Internet an. Ja, es sieht nach Schnee aus.

11:10 Der nationale Wetterdienst warnt vor einem richtigen Schneesturm, der da auf uns zurollt. Man solle sich darauf gefasst machen, dass man ab Montag Abend das Haus nicht mehr verlassen kann.

12:14 Über WhatsApp schreibe ich meinen Schul-Mädels, dass ein Schneesturm im Anmarsch ist. Die Reaktion kommt prompt: „Anni, warum bekommt man von dir immer so Katastrophennachrichten?! Ich meine nichts wird jemals diese schlagen: Ich bin gleich weg, im Bunker ist bestimmt kein Empfang.“ Auch wenn die Situation, auf die Sabine sich bezog, nicht lustig war, ein wenig schmunzeln muss ich doch. Mir persönlich ist ein Blizzard, auf den ich mich vorbereiten kann, dennoch tausendmal lieber als der Gazakrieg.

13:00 Ich beschließe mich an den Rat der Wetterfrösche zu halten und mache mich auf den Weg in diverse Supermärkte: Kerzen, Batterien, Feuerzeuge, Taschenlampe, Wasser, Konserven, Brot und Milch. Die Regale sind noch alle gut gefüllt.

14:06 Auf der Arbeitsplatte stapeln sich Wasserflaschen, Eier, Milch, Brot, Schokolade, Humus, Bananen und Co. Mein Vater verlangt nach einem Bild um zu sehen, ob das Kind auch tatsächlich gut gerüstet ist. Bin ich!

Foto

17:11 Einer meiner Professoren schreibt eine Email: Er plant am Dienstag Abend seinen Kurs zu halten, möchte aber niemanden zum Erscheinen zwingen. Sicherheit gehe vor!

17:40 Auf Facebook beginne ich mit meinen New Havener Freunden über die nächsten Tage zu diskutieren. Strom und Wasser könnten ausfallen, für Mittwoch Nachmittag ist eine große Schneeballschlacht und Schlittenfahren an der Divinity School geplant. Wer ist dabei? Großer Jubel – denn selbst viele Amerikaner haben noch nie Schnee erlebt.

21:53 Auf der nationalen Wetterseite wird von einem historischen Blizzard gesprochen, der auch die vier großen Winterstürme der letzten drei Jahrzehnte übertreffen könnte. Bevor ich ins Bett gehe, lade ich noch mein altes Handy auf. Nur für den Notfall…

Montag, 26.01.2015

07:13 Ich wache auf und schaue direkt einmal den Wetterbericht an. Große Warnungen sind allgegenwärtig, man müsse mit großen Einschränkungen rechnen, der Verkehr wird für 24 Stunden vollkommen zum Erliegen kommen. New Yorks Bürgermeister spricht vom größten Wintersturm aller Zeiten, mit dem der Big Apple konfrontiert werden könnte.

08:30 Ob meine Vorräte wirklich ausreichen? Ich entschließe mich, noch einmal zum Supermarkt auf der anderen Straßenseite zu gehen und mehr Wasser einzukaufen. Just in case… An der Kasse ist eine lange Schlange. „Hopefully the power will continue to work – can’t imagine being in a snowstorm without watching Netflix!“ Hoffentlich fällt der Strom nicht aus. Ich kann mir nicht vorstellen in einem Schneesturm zu sein und kein Netflix anschauen zu können, sagt eine Frau hinter mir. Netflix, das ist der Internetkanal, auf dem man alle Serien und viele Filme anschauen kann. „Stay safe and warm“, gibt mir die Kassiererin mit auf den Weg,

09:15 In meinem Zimmer stapeln sich knapp 25 Liter Wasser. Ja, das ist übertrieben, ich weiß. Aber ich trinke halt viel. Mein Mitbewohner klopft an, ob wir noch genügend Bier hätten? Ich grinse.

09:48 Die erste E-Mail des Office of Emergency Management trudelt ein. Es gibt einige Sicherheitsvorkehrungen, die zu beachten sind. Bisher sieht es aber so aus, als ob alle Kurse stattfinden sollen. Yale scheint kein Fan davon zu sein, den universitären Betrieb herunterzufahren.

10:21 Micah, der den Buchladen an der Divinity School betreibt, schickt eine lustige Email bezüglich der Snowcalypse herum. Heute würde es einen extra Schnee-Rabatt auf alle Bücher geben, damit wir in den nächsten Tagen auch etwas zu lesen hätten.

11:00 Mit meiner kleinen Schwester stehe ich über WhatsApp in Dauerkommunikation. Sie wäre ja am liebsten selbst Wetterfrosch geworden und ist ein großer Fan von großen Wetterereignissen. Der erste Schnee beginnt zu fallen, ganz leicht, aber es geht los. Ich muss sie per persönlichen Newsfeed mit Bildern auf dem Laufenden halten.

11:17 Eine Email von der Yale Werbung. Schneebilder mögen bitte weitergeleitet werden, dann könne man sie in den Prospekten abdrucken.

12:05 Ich schreibe meinen Professor eine E-Mail, dass ich aufgrund des Wetters nicht in die Nachmittagsklasse kommen werde. Ich wohne eben nicht auf dem Campus und habe wenig Lust, während eines beginnenden Schneesturms 40 Minuten nach Hause zu laufen.

12:15 Bestelle online eine riesige Domino’s Pizza. Werde ich in 45 Minuten abholen, auf dem Weg gehe ich noch schnell bei Stop&Shop vorbei – hole mir auch noch Sushi. Das kann man ja eh nur kalt essen, falls der Strom ausfällt…

12:21 Draußen fahren überall Schneemobile herum und versuchen so viel wie möglich vom Schnee, der noch aus den vergangenen Tagen vor der Tür liegt, wegzuschaffen. Plums, da liege ich auf dem Boden. Nix gebrochen. Puh!

12:40 Ich traue meinen Augen nicht. Der Supermarkt ist heillos überfüllt und halb leergekauft. Ich stehe fast 30 Minuten an der Kasse an, bis ich endlich mein Sushi und den Hüttenkäse bezahlt habe…

13:26 Mit einer großen und duftenden Pizza betrete ich die Wohnung. Hier drinnen ist es schön warm. Das war mein letzter Ausflug für die nächsten 24 Stunden (mindestens!).

14:40 Leah, die als einzige Kommilitonin bei mir um die Ecke wohnt, fragt, ob wir uns morgen Nachmittag, so der Sturm nachgelassen hat, zum Schneemannbauen treffen. Klar! ich bitte sie, die sie im zweiten Stock wohnt, jedoch darum, mich, die ich im Erdgeschoss logiere, bitte notfalls ausbuddeln zu kommen. Sie willigt ein. Was man nicht alles für einen Schneemann tut!

15:10 Der Schnee fällt immer weiter, leicht, noch glaubt man nicht, dass hier ein Blizzard draus wird. Zwischendurch wirbeln Sturmböen die weiße Pracht auf und verwandeln die Luft in ein Meer aus tanzenden Flocken.

15:35 Meine Vermieter kommen noch mal vorbei und schauen nach dem Rechten. Falls was ist, muss ich mich nur 15 Meter durch den Schnee bis zu ihrem Appartement kämpfen.

16:06 Mittlerweile hat auch die Leitungsetage von Yale eingesehen, dass man die Uni besser ausfallen lassen sollte. Ab 18 Uhr wird der Betrieb eingestellt und frühestens am Mittwoch morgen wieder aufgenommen.

16:07 Nur eine Minute nach der Ankündigung, dass die Uni dicht gemacht wird, meldet sich der Betreiber der Graduate-Bar: Das GYPSCYs wird heute trotzdem aufmachen. Nur sollte man wissen, dass ab 21 Uhr kein Shuttleservice mehr zur Verfügung stehen würde.

16:11 Professor Mahan bestätigt noch einmal, dass auch sein Kurs morgen Abend ausfällt. Aber keine Sorge! Wir werden schon einen Termin finden, um die Klasse nachzuholen.

16:15 Der Präsident der Uni meldet sich auch noch einmal zu Wort und weist uns fürsorglich daraufhin, dass wir bitte das Haus nicht mehr verlassen sollen. Und wenn was ist, dann steht er uns per E-Mail und Telefon die ganze Zeit über zur Verfügung. (Ich stelle mir grad vor, wie ich morgen früh um 3 Uhr bei ihm zu Hause anrufe um ihm mitzuteilen, dass ich eingeschneit bin.)

16:23 Auch der Professor für Neues Testament bestätigt, dass seine Klasse am Dienstag früh nicht abgehalten wird. Aber am Donnerstag geht es wie gewohnt um 8:30 Uhr mit der griechischen Übersetzung des Hebräerbriefs weiter.

17:21 Ich schreibe meiner Schwester, dass sie den Sturm eine Nummer zu toll findet. Sie entgegnet, sie wünsche sich nichts sehnlicher als hier zu sein, das wären vermutlich die glücklichsten Tage ihres Lebens. Ach Jule, ich hab Dich lieb!

17:32 Draußen gehen Notarztsirenen. Generell nimmt der Autolärm auf den Straßen ab. Ab 21 Uhr herrscht Fahr- und Ausgehverbot für ganz Connecticut, so hat es zumindest der Gouverneur verhangen.

17:34 Per WhatsApp schreibt mir meine Schwester aus Deutschland, dass der Notstand ausgerufen wurde. Also nicht in Deutschland, sondern bei mir. Obwohl zumindest NRW sich ja auch einfach mal solidarisch zeigen könnte. Oder zumindest die Stadt Hürth. Die haben vermutlich noch nie den Notstand ausgerufen, dann könnten die schon mal für den Ernstfall üben.

18:33 Ähm, Jule, was bedeutet denn die Ausrufung des Notstands? – Die Nationalgarde muss bereitstehen und Dich notfalls ausbuddeln! Find ich gut.

19:10 Eine schwierige Entscheidung steht an: Buch oder Film? Der Strom ist noch da. Film.

21:05 Ich schaue aus dem Fenster. Es scheint loszugehen. Leise fallen die Schneeflocken auf den Grund. So übel sieht es allerdings nicht aus.

23:21 Immer wieder war ich von der Couch aufgestanden, um meiner Schwester aktuelle Fotos zu schicken. Der Wind wurde stärker. Der Schneefall auch.

23.28 Das Schaben von Schneeschippen klingt über den Fußweg. Kluge Nachbarn, denke ich mir, schaufeln schon mal den Schnee weg, um morgen früh nicht 90 cm auf einmal wegzuschippen! Ich beginne mich in mein wärmstes Winteroutfit zu schmeißen und öffne die Tür, wo mir erst einmal eine Schneewehe entgegenkommt. Dann sehe ich: Das da draußen sind nicht Nachbarn, sondern Mitarbeiter der Stadt. Und die haben sogar vor meiner Haustür den Schnee weggemacht, bis auf die Veranda. Thank you! Rufe ich ins Treiben hinaus und verschanze mich wieder hinter der Tür.

Dienstag, 27.01.2015

02.03 Müde war ich bisher noch nicht. Draußen geht ordentlich die Post ab. Schon wieder kommt ein Schneeräumwagen und macht selbst bei uns in der kleinen Seitenstraße einer Seitenstraße den Schnee weg. Ich bin ziemlich beruhigt. Selbst bei einem Notfall würden die Rettungsfahrzeuge dank der fantastischen Organisation problemlos durchkommen. Connecticut, thumbs up!

02.14 Ein letzter Blick nach draußen. Puh, stürmt das! Ich beginne zu verstehen, was einen Blizzard so gefährlich macht: Nicht die dicken Schneeflocken, sondern der Schnee kombiniert mit Orkanböen. Das ist, als ob Wellen aus Schneewänden auf einen zurasen. Ich bin viel zu aufgeregt um zu schlafen. Kuschel mich dennoch unter meine Bettdecke.

04:40 Werde von Schneeschaufeln und blinkenden Lichtern wach. Die Mitarbeiter der Stadt ruhen wirklich nicht. Schicke meiner Schwester ein Foto-Update. Ich will grad echt nicht draußen sein müssen.

07:05 Das war eine kurze Nacht. Aber das Schlimmste scheint vorüber zu sein, auch wenn es durchaus noch schneit. Die schlimmen Prognosen haben sich allerdings nicht bestätigt, ich schätze, wir haben etwa 20-25 cm Schnee – keine 80-90 cm. Reicht aber auch.

08.35 Ob ich mal kurz vor die Tür gehen soll? Öffne die Haustür. Ne. Ich bleib drinnen. Den Vormittag über döse ich so vor mich hin. Kaffee, lesen – ich habe dermaßen viel zu essen im Haus, ich könnte die Nationalgarde gleich mit bekochen.

12.00 Sturm und Schnee haben aufgehört. Offizielle Entwarnung.

14.00 Leah und ich treffen uns zu einem Schneespaziergang. Ein paar Autos fahren vorsichtig über die gut geräumten Straßen. Auch die Fußgängerwege sind weitestgehend geräumt. An manchen Stellen jedoch nicht – und wir stapfen vorsichtig durch den hohen Schnee.

14.10 In einem nahen Park machen wir Schneeengel, eine Schneeballschlacht und denken uns: Mein Gott, ist das schön!

15.40 Mit roten Wangen machen wir uns in meiner Wohnung eine heiße Schokolade. Das Kakaopulver habe ich aus einem kleinen Laden in Vermont mitgebracht. Schmeckt himmlisch.

17.18 Die Universität schreibt mir eine E-Mail: Alle Kurse finden wie gewohnt morgen statt. Ja, Privatuni halt. Alle öffentlichen Einrichtungen haben jedoch noch geschlossen. Echt toll.

Ich erkläre den Blizzard für beendet.

Mittwoch, 28.01.2015

08:30 Ich stapfe Richtung Uni. Am Broadway, der den Beginn von Downtown und somit von Yale symbolisiert, merkt man doch, wo das Geld liegt: Meine Straße war auch geräumt. Hier jedoch sieht es wie geleckt aus. Die riesige Straße ist vollkommen von Schnee befreit und große LKWs stehen bereit, um die Schneeberge abzutransportieren. Auf der anderen Seite der Kreuzung sehe ich die Obdachlosen frieren. Yale, Du musst echt dringend an deinen Prioritäten arbeiten.

Montag, 02.02.2015

Es schneit mal wieder. Alle öffentlichen Schulen und Unis haben geschlossen. Yale jedoch lässt nichts ausfallen. Da dieser Wintersturm Linus jedoch nicht in die Kategorie Blizzard gehört, gibt es auch keinen Notstand und keine zusätzlichen Arbeitskräfte. Ich komme meine Straße deswegen nicht bis zur Uni entlang. Schließlich wohne ich nicht auf dem Campus. Mein Mitbewohner versucht grad (14.59) sein Auto auszuparken. Keine Chance. Ich bleib heute daheim.

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